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Helga Köhler
C. Sollius Apollinaris Sidonius. Die Briefe
 
Stuttgart: Hiersemann Verlag 2014, XXXVII + 355 S. (= Bibliothek der Mittellateinischen Literatur Bd. 11), EUR 224.00

Die Briefe des Sidonius (geb. 430/2 in Lyon, gest. nach 481) sind literarische Kunstwerke, in denen ein ungeheurer Reichtum an Erleben, Beobachtungen und menschlichen Beziehungen ihres gebildeten, humorvollen und sympathischen Verfassers zu sprachlichem Ausdruck gelangt. In mehrfacher Hinsicht nehmen sie eine Sonderstellung in der lateinischen Briefliteratur ein. Schon die Lebensdaten des Autors lassen erkennen, dass er Zeuge des En- des der römischen Herrschaft im westlichen Teil des Reiches war, ja, aufgrund seiner gesellschaftlichen Stellung als Angehöriger des senatorischen Adels in Gallien sogar direkt Betroffener.

Infolge dieses Verlaufs der Geschichte wandte er sich nach einer erfolgreichen Karriere im Dienst des Reiches in seiner zweiten Lebenshälfte als Bischof der Auvergne mit Sitz in Clermont dem geistlichen Beruf zu. Die Konstante in diesem ,Ausstieg‘ bildete seine literarische Begabung, die zusammen mit einer umfassenden Bildung in seiner ersten – weltlichen – Lebenshälfte einen Band von 24 Gedichten entstehen ließ, darunter drei lange Kaiserpanegyriken. Das Dichten fiel ihm leicht, weil er ein her- vorragender Kenner sowohl der Versmaße als auch der Quantitäten war; Latein beherrschte Sidonius fehlerfrei.

Nach seiner Berufung ins Bischofsamt verzichtete er zunächst auf das Schreiben von Gedichten, nahm es jedoch später, wenn auch in geringerem
Umfang, wieder auf. In diesem zweiten Lebensabschnitt wurde ihm die Prosa der Briefe zum künstlerischen Ausdrucksmittel, dessen er sich kompromisslos bemächtigte. Die sprachliche Überformung der Briefe, ihre Auswahl für das einzelne ,Buch‘ und schließlich die Anordnung in neun Büchern geschah ohne chronologische Ordnung oder bio- graphische Vollständigkeit; das einzige deutlich erkennbare Prinzip ist die Abwechslung, die dem Le- ser das Vergnügen einer kultivierten Unterhaltung bereiten will, auch wenn das Thema eines Briefes so ernst wie Krieg, Verrat oder gewaltsamer Tod sein sollte. In den Briefen vollzieht sich eine Transformation der Wirklichkeit durch die Kunst, die deren Macht abmildert und ihr nicht selten einen zeitlosen Charme verleiht.

Weil das Latein des Sidonius als anspruchsvoll bis schwierig zu charakterisieren ist, war sein Werk im deutschen Sprachgebiet bisher nur wenigen bekannt. Die Historiker haben sich der vorhandenen Übersetzungen ins Englische und Französische bedient, den Theologen war Sidonius zu wenig fromm. Diese erste Übersetzung sämtlicher Briefe und der darin enthaltenen Gedichte ins Deutsche will dem heutigen Leser einen wertvollen Autor des fünften Jahrhunderts zugänglich machen.

Den reichen Inhalt des Briefcorpus erschließen ein Namen- sowie ein nach Oberbegriffen systematisiertes Sachregister.

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